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2025-11-05

20-35% der Studierenden psychisch stark belastet: Tipps für Dozierende gegen Studierenden-Angst

1 Hintergrund

Zwischen 20 und 35 Prozent der Studierenden leiden unter psychischen Störungen mit Krankheitswert, doch nur 25 bis 30 Prozent davon nutzen Hilfsangebote (Weber 2024). Was folgt daraus für die Hochschullehre und was berichten Dozierende selbst?

Gründe für Nicht-Inanspruchnahme sind, Angst, sich zu öffnen, Stigmatisierung, mangelndes Wissen über Symptome und Angebote, lange Wartezeiten und begrenzte Beratungstermine (Weber 2024). Dies ist fatal, da eine konsequente Nutzung von Beratungsangeboten psychische Belastungen signifikant reduziert (Hofmann, Sperth & Holm-Hadulla 2017).

2 Was Dozierende jetzt brauchen

Weber (2024) kritisiert fehlendes Wissen über psychische Erkrankungen und einen mangelhaften Umgang im Hochschulalltag. Für Lehrende bedeutet das: Grundwissen zu Krankheitsbildern (z. B. Depression) und sozialen Problemlagen (z. B. Mobbing) ist Voraussetzung, um Bedarfe zu erkennen, angemessen zu reagieren und eine inklusive Lernumgebung zu gestalten, trotz oft kurzer Kontaktzeiten in grossen Lehrformaten.

3 Einblick aus eigener Erhebung - Stimmen aus der Lehre 

Ich habe im Rahmen einer qualitativen Erhebung 18 Dozierende aus Deutschland (10) und der Schweiz (8) mittels halbstandardisierter qualitativer Interviews befragt, um neben meinen eigenen Erkenntnissen zusätzliche Perspektiven zu gewinnen. Insbesondere Dozierende in Deutschland berichteten von niedergeschlagenen Studierenden mit ausgeprägten Zukunftsängsten. Daher habe ich diesen Aspekten einen grösseren Raum in meinem neuen Werk zur Hochschullehre gegeben (Voss 2025).

4 Fokus: Depression in der Hochschulpraxis erkennen und begleiten

Depressionen können sich u. a. zeigen durch anhaltende Traurigkeit, Interessenverlust, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Schuldgefühle, Schlafstörungen sowie körperliche Beschwerden (z. B. Kopf- oder Bauchschmerzen). Sie beeinträchtigen Teilnahme, Aufgabenbearbeitung und Leistungsfähigkeit. Lehrende stellen keine Diagnosen, können aber Hinweise wahrnehmen, entlastende Gespräche führen und Zugänge zu Hilfen öffnen. Flexibilität bei Fristen/Anforderungen und kleinschrittige Planungen mindern Druck.

Merke – das erste Studienjahr im Blick: Das Erstsemester ist ein Risikofenster:

Studierende mit Zugehörigkeitsgefühl zur Hochschule und Peers erholen sich eher von Depression und Angst. Drogenkonsum hingegen erhöht das Risiko persistierender oder neu auftretender Symptome (Adams, Saunders, Keown-Stoneman et al. 2021).

Hintergrundwissen - Pandemieeffekte:

Eine Studie der Universität Basel mit 11’612 Befragten zeigte einen Anstieg schwerer depressiver Symptome von 3 Prozent (vor der Pandemie) auf 9 Prozent (April-Lockdown), 12 Prozent (Mai-Lockerungen) und 18 Prozent im November 2020. Besonders betroffen waren 14–24-Jährige (29 Prozent), gefolgt von 25–34-Jährigen (21 Prozent) usw. (De Quervain, Aerni, Amini et al. 2020).

5 Handlungsempfehlungen für die Lehre

Beobachten und ansprechen: Vertrauliches Gespräch, konkrete Beobachtungen benennen, ohne Druck; aktiv auf Beratungs- und Kursangebote hinweisen (Weber 2024).

Rahmen flexibilisieren: Wo sinnvoll, Fristen/Teilnahmeanforderungen anpassen; realistische Schrittpläne vereinbaren.

Vertrauensklima fördern: Hilfesuche normalisieren, Ressourcen und Zuständigkeiten transparent machen. Nützliche Austauschmöglichkeit: www.diskussionsforum-depression.de

Vernetzen: Enge Kooperation mit psychologischen Beratungsdiensten und externem Fachpersonal, integrierte Unterstützungsstrategien entwickeln.

Eigene Grenzen wahren: Lehrende moderieren und verweisen und achten auf Selbstfürsorge (Supervision, kollegiale Beratung).

Was Dozierende morgen umsetzen können:

In Lehrveranstaltungen: eine Folie „Hilfe holen – so geht’s“ mit Kontakten/Sprechzeiten.

Semesterstart: Kurzscreening zu Studienorganisation und Belastungen; Follow-up mit Hinweisen.

Lehrkoordination: Standards für Fristenflexibilisierung/Nachholmöglichkeiten.

Netzwerkpflege: Regeltermine mit Beratung, Diversity und Studiendekanaten.

6 Fazit und Ausblick

Ein erheblicher Teil der Studierenden ist psychisch belastet, zugleich bleiben Hilfsangebote wegen Stigma, Unwissen und strukturellen Hürden oft ungenutzt, obwohl Beratung nachweislich entlastet. Für die Lehre heisst das: Dozierende brauchen Basiswissen zu Krankheitsbildern und sozialen Problemlagen, müssen Signale (insbesondere im ersten Studienjahr) früh wahrnehmen und mit Zugehörigkeit, klaren Verweiswegen sowie flexiblen Rahmenbedingungen reagieren. 

Meine Interviews mit 18 Dozierenden aus Deutschland und der Schweiz zeigen ausgeprägte Zukunftsängste bei Studierenden, besonders in Deutschland, ein Befund, dem ich in meinem neuen Werk zur Hochschullehre mehr Raum gebe (Voss 2025). 

Hochschulen sollten Mental Health systemisch verankern, mit verpflichtender Qualifizierung für Lehrende, standardisierten Info- und Screeningprozessen zum Semesterstart, enger Kooperation mit Beratungsdiensten und kontinuierlicher Evaluation, um Lücken zwischen Lehre und Hilfsnetz nachhaltig zu schliessen.

Schauen Sie mein Buch “Hochschullehre heute: Lehren, Beraten, Betreuen in Zeiten des technologischen Wandels” für einen Überblick auch direkt online an:

https://www.utb.de/doi/epdf/10.36198/9783838563817-1-15

Literatur

Adams, K., Saunders, K., Keown-Stoneman C. et al (2021): Mental health trajectories in undergraduate students over the first year of university: a longitudinal cohort study. In: BMJ Open; 11:e047393, verfügbar unter: https://doi.org/10.1136/bmjopen-2020-047393, abgerufen am 15.10.2025.

De Quervain, D., Aerni, A., Amini, E. et al. (2020): The Swiss Corona Stress Study: Second Pandemic Wave, November 2020. In: OSF Preprints. Vol. 16, verfügbar unter: https://www.researchgate.net/publication/340911576_The_Swiss_Corona_Stress_Study, abgerufen am 12.10.2025.

Hofmann, F., Sperth, M. & Holm-Hadulla, R. (2017): Psychische Belastungen und Probleme Studierender. In: Psychotherapeut, Vol. 62, S. 395–402.

Voss, R. (2025): Hochschullehre heute: Lehren, Beraten, Betreuen in Zeiten des technologischen Wandels, UTB.

Weber, R. (2024): Fehlendes Wissen und Angst vor Stigma. Wie belastet sind Studierende und was fehlt uns an Wissen darüber? In: Forschung & Lehre, Vol. 31(2), S. 110-112.

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