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2026-01-28

Die Wissens-Spirale: Warum die beste Frage nicht mehr am Anfang steht – dank KI.

1 Hintergrund

Ist tiefes Expertenwissen nötig, um mit KI wirklich brillante Ergebnisse zu erzielen? Die landläufige Meinung sagt: Ja, absolut. Doch ich behaupte: KI stellt dieses Prinzip auf den Kopf.

Wir verlassen das Zeitalter der „Wissens-Treppe“ und betreten das der „Wissens-Frage-Spirale“.

2 Das alte Modell: Die Wissens-Treppe 🪜

Früher war der Prozess eher linear und mühsam:

Schritt 1 (Wissen aneignen): Sie lasen Bücher, besuchten Seminare und recherchierten, um eine breite Datenbasis zu erlangen und daraus durch kognitive Verarbeitung eine Wissensbasis aufzubauen.

Schritt 2 (Frage formulieren): Auf Basis dieses “tiefen” Wissens konnten Sie eine präzise, intelligente Frage stellen.

Schritt 3 (Antwort suchen): Mit dieser Frage gingen Sie auf die Suche nach der Lösung.

Schritt 4 (Auswahl einer Lösung): Nach Abwägung von Alternativen formulierten Sie eine Lösung, dabei gingen Sie eventuell nochmal Stufen zurück.

Wissen war hier die Voraussetzung für die erste gute Frage.

3 Das neue Modell mit KI: Die Wissens-Frage-Spirale 🌀

Heute startet der Prozess oft nur mit einer Absicht oder einem Problem. Die KI wird zum Katalysator, der Wissen und Fragen iterativ, also schrittweise, entwickelt. Hierzu ein stark vereinfachtes Beispiel:

🎯 1. Startpunkt (Wenig Wissen): Sie haben ein Ziel. „Ich will eine Marketingkampagne für mein neues Produkt machen.“

🗣️ 2. Erste, breite Frage: Sie nutzen Ihr Ziel für einen ersten, allgemeinen Prompt. „Ich bringe ein neues, nachhaltiges Putzmittel auf den Markt. Gib mir eine grundlegende Struktur für eine Marketingkampagne.“

🧠 3. KI generiert Zwischen-Wissen: Die KI liefert eine Struktur (z.B. 1. Zielgruppenanalyse, 2. Kanalstrategie, 3. Content-Planung). Dies sind ihre neue, sofort verfügbaren Daten, die Sie kognitiv verarbeiten und Wissen um den Kontext aufbauen.

🤔 4. Zweite, präzisere Frage: Auf Basis dieses neuen Wissens können Sie eine viel bessere Frage stellen. „Interessant. Analysiere mir bitte die Zielgruppe für ein nachhaltiges Putzmittel im urbanen Raum. Welche Werte und Interessen hat diese Gruppe?“

📈 5. KI generiert tieferes Wissen: Die KI liefert Details zur Zielgruppe (z.B. umweltbewusst, designaffin, aktiv auf Instagram und Pinterest). Ihre Datenbasis ist erweitert und nach der Verarbeitung und Bildung von mentalen Mustern ist auch ihr Wissen wieder gewachsen.

🚀 6. Dritte, hochspezifische Frage: Jetzt können Sie eine Expertenfrage stellen, die ohne die vorherigen Schritte unmöglich gewesen wäre. „Erstelle mir eine Content-Strategie für Instagram aus der Sicht eines Marketing-Experten, die genau diese designaffine, umweltbewusste Zielgruppe anspricht. Schlage mir drei konkrete Post-Formate vor.“

Was ist hier passiert?

Sie haben nicht mit tiefem Marketingwissen begonnen. Sie haben mit einer Absicht begonnen und die KI als Dialogpartner genutzt, um Ihr Wissen schrittweise zu vertiefen. Jede Antwort der KI wurde zur Grundlage für eine intelligentere nächste Frage.

4 Ist die alte Treppe nicht auch eine Wissens-Spirale?

Ein berechtigter Einwand könnte lauten: Kann man auf der Treppe nicht auch eine Stufe zurückgehen? Ja, aber der entscheidende Unterschied liegt in der Absicht und der Struktur. Ein Schritt zurück auf der Treppe ist oft eine Korrektur, d. h. eine Person hat eine Quelle falsch verstanden oder muss eine Annahme verwerfen. Es ist ein Abweichen vom idealen, linearen Pfad. Die Spirale hingegen lebt von dieser Iteration. Jede „Rückkehr“ zu einem Thema geschieht auf einem höheren Wissensniveau und ist ein bewusster, schöpferischer Akt. Ein Individuum korrigiert nicht nur, es verfeinert und vertieft. Der Prozess ist von Natur aus zyklisch, nicht als Reparatur eines linearen Fehlers.

5 Die Verbindung zu etablierten Lernkonzepten

Dieses Prinzip ist übrigens nicht völlig neu, sondern eine Neuinterpretation bewährter Lernkonzepte im KI-Zeitalter. Es erinnert stark an das forschende Lernen, bei dem Neugier und eigene Fragen den Weg zur Erkenntnis ebnen. Die KI übernimmt dabei die Rolle des „AI-driven Scaffolding“. Sie baut ein temporäres Wissensgerüst (engl. scaffold), das uns befähigt, die nächste Stufe zu erklimmen. Jede Antwort der KI ist ein solches Gerüst, das uns hilft, eine intelligentere, tiefere Frage zu stellen, bevor es für den nächsten Schritt überflüssig wird.

Fazit: Es geht nicht mehr nur um das „Was“, sondern um das „Wie“

6 Zur Vertiefung kurz eine Unterscheidung von drei Arten von Wissen im KI-Zeitalter

Domänenwissen (Das „Was“): Tiefes Fachwissen über Marketing, Medizin, Recht etc. Je mehr Sie davon haben, desto höher können Sie in die Wissens-Spirale einsteigen.

Methodenwissen (Das „Wie“): Das ist das neue „Grundwissen“. Es ist die Fähigkeit, Probleme zu strukturieren, logisch zu denken, Annahmen zu hinterfragen und den Prozess der Wissens-Frage-Spirale brillant zu steuern.

Integrative Kompetenz (Das „Warum“ & „Wofür“): Fähigkeiten wie kritisches Denken, Kreativität, ethisches Urteilsvermögen und die Fähigkeit zum Transfer. Sie erlaubt uns, die von der KI generierten Informationen in einen größeren strategischen oder sozialen Kontext zu stellen, unkonventionelle Verbindungen zu ziehen und die Ergebnisse nicht nur zu managen, sondern sie weise zu nutzen.

7 Fazit 

Wie viel Domänenwissen ist also noch nötig? Domänenwissen wird nicht überflüssig, aber seine Rolle wandelt sich vom „Gatekeeper“ zum „Beschleuniger“. Ein solides Grundlagenwissen in Ihrem Fachgebiet ist entscheidend, um die Qualität der KI-Antworten zu bewerten, subtile Fehler oder „Halluzinationen“ zu erkennen und vor allem, um die strategische Richtung vorzugeben. Ein Experte oder eine Expertin nutzt die Spirale, um von einem höheren Startpunkt aus schneller zu exzellenten, unkonventionellen Lösungen zu gelangen. Es ist der Unterschied zwischen einem korrekten Ergebnis und einem strategisch brillanten Ergebnis.

Die KI senkt die Notwendigkeit, ein riesiges Domänenwissen zu besitzen, um überhaupt starten zu können. Gleichzeitig erhöht sich aber massiv der Wert von Methodenwissen und vor allem der integrativen Kompetenz. Wir entwickeln uns vom reinen Wissens-Sammler zum Architekten von Wissensprozessen.

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Quellenangaben

Voss, R. (2025). Hochschullehre heute: Lehren, Beraten, Betreuen in Zeiten des technologischen Wandels. utb.

Voss, R. (2026). Medienkompetenz im KI-Zeitalter. utb.

Disclaimer: Dieser Artikel wurde nach meinem eigenen Wissen und meiner Idee erstellt. Ergänzt durch Recherchen mit KI (Gemini und ChatGPT) manuell zusammengestellt und sprachlich mit KI geprüft und optimiert. Dabei habe ich meine eigene Brand voice genutzt, die auf Texten meiner Bücher und Blogs beruht. Das Bild stammt von einem KI-Programm (Nano Banana) und ist selbst nach meiner Vorgabe erstellt. Dieser Artikel ist rein edukativ und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Bitte melden Sie sich, wenn Sie Ungenauigkeiten feststellen.

Der Blog ist auch als Artikel auf LinkedIn erschienen:

https://www.linkedin.com/pulse/die-wissens-spirale-warum-beste-frage-nicht-mehr-am-anfang-voss-d65de/?trackingId=pizMiMp2Rww356XzIu3Z4A%3D%3D

Admin - 12:28:22 @ Pädagogik und Medien, Blog zu meinen Bücherthemen