Prof. Dr. Voss: Ihr Bildungs- und Medienexperte
  

2026-02-14

„Follow the Science“ - 3 Gründe, warum der Slogan nicht einfach für das eigene Handeln massgeblich sein sollte.

1 Hintergrund

Keine Sorge, ich bin kein Wissenschaftsleugner geworden. Aber ich folge der Wissenschaft nicht mehr automatisch oder blind. In einer Welt voller medialer Zuspitzungen und komplexer Interessen ist der gut gemeinte Rat „Follow the Science“ zu einer Falle geworden, die kritisches Denken eher verhindert als fördert. Der Aufruf „Follow the Science“ klingt zwar wie ein rettender Anker. Er verspricht Klarheit, Objektivität und einen unbestreitbaren Weg zur Wahrheit. Die Implikation ist einfach: Wissenschaftliche Erkenntnisse sollten die alleinige Grundlage für unsere Entscheidungen sein. Doch so verlockend dieser Slogan auch ist, er birgt eine Gefahr: Er kann uns in eine trügerische Sicherheit wiegen und kritisches Denken einschränken.

Die blosse Berufung auf „die Wissenschaft“ reicht nicht aus, insbesondere im medialen Kontext. Blindes Vertrauen kann zu Fehlinformationen, Verzerrungen und im schlimmsten Fall zur Instrumentalisierung für bestimmte Agenden führen. Es ist an der Zeit, den Slogan zu hinterfragen und zu verstehen, was es wirklich bedeutet, der Wissenschaft zu folgen. Es ist ein aktiver Prozess, kein passiver Gehorsam.

2 Die Verlockung der Autorität: Wenn der Titel die Expertise ersetzt

Personen neigen dazu, Experten zu vertrauen. Dieses als Argument-from-Authority Bias bekannte Phänomen beschreibt unsere Tendenz, Autoritätspersonen übermäßig Glauben zu schenken (Petty, Cacioppo & Goldman, 1981). Ein Doktortitel, eine Position an einer renommierten Universität oder ein Auftritt in den Medien verleiht einer Person schnell den Anschein allumfassender Kompetenz.

Das Problem? Oft sprechen diese „Fachpersonen“ weit ausserhalb ihres eigentlichen Spezialgebiets. Ein Physiker, der sich zu virologischen Fragen äussert, oder ein Ökonom, der Klimamodelle bewertet, mag kluge Gedanken haben, doch seine Autorität ist in diesem neuen Feld nicht automatisch gegeben. Medien nutzen diesen Effekt gezielt, um ihre Narrative mit dem Gewicht bekannter Namen zu untermauern.

Ein rationaler Medienkonsum erfordert daher, stets zu fragen:

- Wer spricht hier? Welche spezifische Fachkompetenz hat diese Person zum exakten Thema?

- Welche Interessen könnten im Spiel sein? Gibt es finanzielle, politische oder ideologische Verbindungen?

3 Die Illusion der Einheit: Es gibt nicht „die“ eine Wissenschaft

Der Satz „Die Wissenschaft sagt…“ ist fundamental irreführend. Es gibt unzählige wissenschaftliche Disziplinen mit unterschiedlichen Methoden, Zielen und Maßstäben.

Naturwissenschaften (Physik, Chemie): Arbeiten oft mit kontrollierten Experimenten, streben nach universellen Gesetzen und können präzise Vorhersagen treffen.
Sozialwissenschaften (Soziologie, Psychologie): Erfassen menschliches Verhalten mittels Umfragen, Beobachtungen und Statistiken. Kontext, Kultur und Interpretation spielen hier eine immense Rolle.

Eine klare Ursache-Wirkungs-Beziehung lässt sich oft nur in einem eng definierten experimentellen Rahmen nachweisen. Sobald versucht wird, diese Erkenntnisse auf die komplexe Realität zu übertragen, wird es kompliziert. Ein Ergebnis aus dem Labor verhält sich in der Gesellschaft oft völlig anders.

4 Der eingebaute Tunnelblick: Confirmation Bias und „Cherry-Picking“

Wissenschaftler sind darauf trainiert, objektiv zu sein, aber auch sie sind nicht frei von kognitiven Verzerrungen. Der Confirmation Bias beschreibt die Neigung, Informationen so zu suchen, zu interpretieren und zu erinnern, dass sie die eigenen bereits bestehenden Überzeugungen bestätigen (Mahoney, 1977).

Dies kann im Forschungsprozess zu problematischen Praktiken führen:

- Ungenügendes Testen von Hypothesen: Forscher konzentrieren sich auf Experimente, die ihre Theorie stützen, und vernachlässigen jene, die sie widerlegen könnten.

- Selektive Berichterstattung („Cherry-Picking“): Studien mit positiven, aufsehenerregenden Ergebnissen werden veröffentlicht, während widersprüchliche oder negative Resultate in der Schublade verschwinden. Dies verzerrt das Gesamtbild eines Forschungsfeldes massiv.

5 Ein Fallbeispiel: Wie eine brisante Studie neu bewertet wurde

Wissenschaft ist kein Monolith, sondern ein dynamischer Prozess der Annäherung an die Wahrheit. Nach Karl Popper sind wissenschaftliche Theorien niemals endgültig „wahr“, sondern nur „vorläufig gültig“, bis sie widerlegt (falsifiziert) werden.

Ein eindrucksvolles Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist die Studie von Greenwood et al. (2020) zur Säuglingssterblichkeit in den USA.

Die ursprüngliche Erkenntnis: Die Studie kam zu dem schockierenden Ergebnis, dass sich die Sterblichkeitsrate schwarzer Neugeborener halbiert, wenn sie von schwarzen Ärzten betreut werden.

Die mediale Reaktion: Die Nachricht verbreitete sich rasant und löste eine wichtige Debatte über Rassismus im Gesundheitssystem, mangelnde Diversität und implizite Vorurteile aus.

Die Neubewertung: Eine spätere Analyse von Borjas & VerBruggen (2024) stellte diese Schlussfolgerung infrage. Sie identifizierten eine entscheidende Variable (Confounding Factor): Neugeborene mit sehr niedrigem Geburtsgewicht. Diese Babys haben von Natur aus eine extrem hohe Sterblichkeitsrate und werden überproportional oft von hochspezialisierten Ärzten behandelt, die in den USA tendenziell häufiger weiß sind. Als dieser Faktor herausgerechnet wurde, war der Effekt der Hautfarbe des Arztes statistisch nicht mehr signifikant.

Dieser Fall zeigt perfekt, wie der wissenschaftliche Prozess funktioniert: Eine Hypothese wird aufgestellt, geprüft, veröffentlicht und dann von der wissenschaftlichen Gemeinschaft erneut kritisch hinterfragt. Blindes Vertrauen in die erste Schlagzeile hätte hier zu falschen Schlussfolgerungen geführt.

6 Die Fallstricke der Statistik und der Medienlogik

Zwei weitere Faktoren tragen zur Verzerrung bei:

- Kleine Studiengrössen: Studien mit wenigen Teilnehmern sind anfällig für Zufallsschwankungen. Ein statistisch signifikanter Effekt kann hier leicht durch Zufall entstehen und ist oft nicht reproduzierbar. Dennoch erzeugen solche Studien oft die lautesten Schlagzeilen.

- Mediale Zuspitzung: Nachrichten, Social-Media-Algorithmen und Plattformen filtern, komprimieren und dramatisieren wissenschaftliche Inhalte. Komplexe Ergebnisse werden auf reißerische Headlines reduziert, und vorläufige Vorab-Publikationen (Preprints) ohne Peer-Review werden wie gesichertes Wissen behandelt.

7 Die neue Autorität? Was KI leisten kann – und was nicht

In diesem ohnehin schon komplexen Umfeld tritt nun die Künstliche Intelligenz auf den Plan. KI-Systeme wie ChatGPT wirken oft allwissend, da sie auf fast jede Frage eine plausible, eloquent formulierte Antwort liefern. Doch hier ist höchste Vorsicht geboten: KI generiert Muster, keine Belege.

Eine KI bewertet keine Studiendesigns, prüft keine Primärdaten und ersetzt nicht die Reproduzierbarkeit einer Studie. Sie reproduziert lediglich die Informationen, mit denen sie trainiert wurde, inklusive aller Fehler, Vorurteile und veralteten Daten. Wer KI-Antworten unkritisch als Wahrheit übernimmt, verwechselt rhetorische Sicherheit mit wissenschaftlicher Validität.

8 Fazit: Der wahre Weg, der Wissenschaft zu folgen

Follow the Science“ darf kein Ruf nach blindem Gehorsam gegenüber Autoritäten oder Schlagzeilen sein. Es muss ein Aufruf sein, dem wissenschaftlichen Prozess zu folgen:

- Skepsis und kritisches Hinterfragen: Wer profitiert von dieser Aussage? Was ist die genaue Expertise der Quelle?

- Methodenverständnis: Wie kam die Erkenntnis zustande? War es eine große, randomisierte Studie oder eine kleine Beobachtung?

- Offenheit für Korrekturen: Wissenschaftliche Erkenntnisse sind vorläufig. Seien Sie bereit, Ihre Meinung zu ändern, wenn neue, bessere Evidenz auftaucht.

- Kontextualisierung: Was bedeutet dieses Ergebnis im Gesamtbild und für die komplexe Realität?

Wissenschaft ist meiner Meinung nach eine ausgezeichnete Herangehensweise, um die Welt zu verstehen. Aber sie ist ein anstrengender, langsamer und sich selbst korrigierender Prozess, keine Orakelmaschine. Indem Personen diesen Prozess verstehen und respektieren, folgen sie der Wissenschaft auf die einzig sinnvolle Weise.

#Wissenschaftskommunikation #KritischesDenken #Medienkompetenz #FollowTheScience #Wissenschaft #FakeNews #KI #Leadership

Quellen

Borjas, G. & VerBruggen, R. (2024): Physician–patient racial concordance and newborn mortality. In: Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) U.S.A, Vol. 121(39), e2409264121.

Greenwood, B., Hardeman, R., Huang, L. & Sojourner, A. (2020): Physician–patient racial concordance and disparities in birthing mortality for newborns. In: Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) U.S.A, Vol. 117(35), 21194-21200.

Mahoney, M. (1977): Publication prejudices: An experimental study of confirmatory bias in the peer review system. In: Cognitive Therapy and Research, Vol. 1(2), S. 161-175.

Petty, R., Cacioppo, J. & Goldman, R. (1981): Personal Involvement as a Determinant of Argument-Based Persuasion. In: Journal of Personality and Social Psychology, Vol. 41(5), S. 847–855.

Voss, R. (2024): Wissenschaftliches Arbeiten … leicht verständlich! (9. Aufl.). utb.

Voss, R. (2026): Medienkompetenz im KI-Zeitalter. utb.

In meinem Buch «Medienkompetenz im KI-Zeitalter» wird auf die Thematik tiefer eingegangen. Es bietet zudem praxisnahe Tools, um Inhalte kritisch zu bewerten, von Fact-Checking bis KI-gestützter Bias-Erkennung. In Zeiten von Deepfakes und polarisierten Feeds wird Medienkompetenz zum Schlüssel.”Medienkompetenz im KI-Zeitalter” (UTB, 2026) ist schon vorbestellbar und wird ab den 16.02.2026 ausgeliefert. Ideal für alle, die den Medienwandel navigieren wollen! Wer mag, kann das Buch hier erhalten

https://www.narr.de/medienkompetenz-im-ki-zeitalter-46482/

Mein Buch «Wissenschaftliches Arbeiten … leicht verständlich!» ist der bewährte Longseller in der 9. Auflage! Es bietet praxisnahe, leicht verständliche Tools, um wissenschaftliche Arbeiten erfolgreich zu meistern. Wer mag, kann diesen Erfolgsleitfaden hier direkt bestellen:

https://www.narr.de/wissenschaftliches-arbeiten-48832/

Disclaimer: Dieser Artikel wurde nach meinem eigenen Wissen und meiner Idee erstellt. Ergänzt durch Recherchen und sprachlich mit KI geprüft und optimiert. Dabei habe ich meine eigene Brand voice genutzt, die auf Texten meiner Bücher und Blogs beruht. Das Bild stammt von einem KI-Programm (Nano Banana) und ist selbst nach meiner Vorgabe erstellt. Dieser Artikel ist rein edukativ und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Bitte melden Sie sich, wenn Sie Ungenauigkeiten feststellen.

Der Blog erschien unter LinkedIn unter folgender Adresse:

https://www.linkedin.com/pulse/ich-sage-nicht-mehr-follow-science-hier-sind-3-gr%C3%BCnde-voss-kkmye/?trackingId=d349zb0iXU%2B2f3UiSFIgYg%3D%3D

Admin - 11:44:55 @ Pädagogik und Medien, Blog zu meinen Bücherthemen