2026-05-31
Warum ungeskriptete Gespräche plötzlich boomen und den Haltungsjournalismus herausfordern
1 Hintergrund
In einer Zeit, in der Bildschirme im Minutentakt mit Nachrichten, Eilmeldungen, Kommentaren und vermeintlichen „Einordnungen“ aufleuchten, lässt sich eine paradoxe Entwicklung beobachten: Während die Informationsschnipsel immer kürzer und lauter werden, wächst die Sehnsucht nach Tiefe, nach Kontext und nach dem, was im digitalen Dauerfeuer oft verloren geht – dem echten Gespräch. Ein Format gewinnt dabei immer mehr an Bedeutung und wird für viele zu einer unverzichtbaren Informationsquelle: lange, ungeskriptete Interviews.
Ein herausragendes Beispiel für diesen Trend ist der Podcast und YouTube-Kanal „ungeskriptet“ von Ben Berndt. Das Konzept ist radikal einfach und gerade deshalb so wirkungsvoll: Berndt lädt Menschen aus allen denkbaren gesellschaftlichen Ecken ein (von Ex-Clan-Mitgliedern über Spitzenjournalistinnen bis hin zu kontroversen Politikern) und lässt sie reden. Es gibt kein starres Skript, keine engen Zeitlimits, die ein Thema auf 90 Sekunden eindampfen, und vor allem keine vorgefertigte Moral, die dem Zuhörer am Ende untergejubelt wird. Was stattdessen entsteht, sind echte, tiefe und oft stundenlange Gespräche, die den Raum für Nuancen und Widersprüche öffnen.
Doch warum sind solche Formate mehr als nur eine Nischenerscheinung? Sie sind ein entscheidendes Werkzeug zur Stärkung der Medienkompetenz und ein notwendiges Korrektiv in einer zunehmend polarisierten Medienlandschaft.
2 Die medientheoretische Einordnung: Framing, Agenda-Setting und die parasoziale Beziehung
Um die Wirkung von Formaten wie {ungeskriptet} zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf einige klassische medientheoretische Konstrukte. Was in der Universität oft abstrakt klingt, erklärt im Kern, wie Medien die Wahrnehmung der Realität formen.
Framing-Theorie: Der Rahmen, der die Wahrnehmung formt Die Framing-Theorie besagt, dass Medien ein Thema nicht nur präsentieren, sondern es immer in einen bestimmten Deutungsrahmen (Frame) einbetten. Durch die Auswahl von Wörtern, Bildern und Experten wird eine bestimmte Perspektive nahegelegt. Ein klassisches Beispiel: Berichtet man über einen Protest als „Aufstand von Randalierern“ oder als „Demonstration besorgter Bürger“? Der Frame verändert die gesamte Wahrnehmung des Ereignisses. Der moderne Haltungsjournalismus treibt dieses Prinzip auf die Spitze, indem er Fakten primär so auswählt und rahmt, dass sie eine vorab festgelegte moralische Haltung stützen. Ungeskriptete Gespräche durchbrechen dieses Framing bewusst. Indem sie den Gast seine Geschichte in eigenen Worten und eigener Länge erzählen lassen, wird der Deutungsrahmen vom Medium auf den Sprecher und letztlich auf den Zuhörer verlagert. Das Publikum bekommt nicht den fertigen Rahmen, sondern das Material, um einen eigenen zu bauen.
Agenda-Setting: Was auf die Tagesordnung kommt Die Agenda-Setting-Hypothese geht davon aus, dass Medien weniger beeinflussen, was Menschen denken, sondern vielmehr, worüber sie nachdenken. Sie setzen die Themen auf die öffentliche Tagesordnung. Klassische deutsche Medien neigen dazu, Themen zu bevorzugen, die sich gut in ihre bestehenden Narrative und Frames einfügen. Perspektiven, die quer dazu stehen, fallen oft unter den Tisch. Formate wie {ungeskriptet} setzen eine alternative Agenda. Sie geben Themen und Personen eine Bühne, die im Mainstream-Diskurs ignoriert, verzerrt oder nur am Rande behandelt werden. Sie zeigen: Es gibt mehr relevante Themen und Perspektiven, als die etablierte Medienagenda suggeriert.
Parasoziale Interaktion: Die Illusion der persönlichen Beziehung Gerade bei langen Podcast-Gesprächen entsteht ein Phänomen, das die Medienpsychologie als „parasoziale Interaktion“ beschreibt. Zuhörer entwickeln über die Zeit das Gefühl, eine persönliche Beziehung zum Host (Ben Berndt) und seinen Gästen aufzubauen. Man „lernt“ sie über Stunden kennen, mit ihren Eigenheiten, Unsicherheiten und Denkweisen. Diese gefühlte Nähe schafft ein hohes Maß an Authentizität und Vertrauen, das ein polierter 3-Minuten-Beitrag niemals erzeugen kann. Man hört nicht mehr einer anonymen „Quelle“ zu, sondern einem Menschen.
3 Das Problem des Haltungsjournalismus: Wenn die Moral die Nachricht besiegt
Viele traditionelle Medienhäuser haben sich in den letzten Jahren einem verschrieben, was man als Haltungsjournalismus bezeichnen kann. Hierbei ist die moralische Position des Autors/der Autorin oder des Mediums wichtiger als eine möglichst neutrale und umfassende Berichterstattung. Die Geschichte wird so konstruiert, dass sie zur gewünschten Weltsicht passt. Unangenehme Fakten, die das eigene Narrativ stören könnten, werden weggelassen oder relativiert, während passende Fakten emotionalisiert und dramatisiert werden.
Die Folgen sind gravierend und untergraben die eigentliche Funktion von Journalismus in einer Demokratie:
Sinkendes Vertrauen: Zahlreiche Studien belegen einen historischen Vertrauensverlust in die etablierten Medien. Ein Publikum, das spürt, dass es belehrt statt informiert wird, wendet sich ab.
Verstärkte Polarisierung: Anstatt Brücken zu bauen und unterschiedliche Lager ins Gespräch zu bringen, zementiert Haltungsjournalismus die Gräben. Jede Seite konsumiert nur noch die Medien, die die eigene Haltung bestätigen.
Selbstzensur im Journalismus: Journalisten, die aus der redaktionellen Linie ausscheren und unliebsame Fragen stellen, geraten unter Druck. Dies führt zu einer Verengung des Meinungskorridors innerhalb der Redaktionen.
Passives Publikum: Anstatt kritisches Hinterfragen zu fördern, erzieht Haltungsjournalismus ein Publikum dazu, einfach die „richtige“ Haltung zu übernehmen und Andersdenkende moralisch abzuwerten.
Zu dieser Haltung gehörte lange Zeit auch eine klare Strategie im Umgang mit der neuen, «unliebsamen» Konkurrenz: die Ausgrenzung. Anstatt sich inhaltlich mit Formaten wie {ungeskriptet} auseinanderzusetzen, wurden sie entweder ignoriert oder pauschal diskreditiert. Sie wurden in die Schublade der „alternativen Medien“ gesteckt, ihnen wurde vorgeworfen, Extremisten eine unkritische Plattform zu bieten, oder sie wurden als journalistisch minderwertig abgetan. Diese Abwehrtaktik diente auch dazu, die eigene Deutungshoheit zu sichern und den Status als Gatekeeper der öffentlichen Debatte zu verteidigen.
4 Ein aktueller Fall illustriert diese Dynamik auf fast schon lehrbuchhafte Weise
Vor kurzem saß Melanie Amann, langjährige Spiegel-Redakteurin und eine der prominentesten AfD-Kritikerinnen, bei Ben Berndt auf dem Sofa. Nun startet sie selbst den Podcast „Amann Unframed“, mit Ben Berndt als erstem Gast. In ihrer eigenen Ankündigung beschreibt Amann das Konzept so: „Deutschland wird von Persönlichkeiten geprägt, die selten in klare Schubladen passen. Menschen, die polarisieren, anecken, provozieren und manchmal auch manipulieren. Manche werden unfair geframet, andere prägen die Debatte mit ihrem ganz eigenen Frame. Mit genau diesen Menschen spricht Melanie Amann. Sie will verstehen, wie sie sich selbst sehen, wie sie zu ihren Positionen gekommen sind und ob sie ihr eigenes Handeln hinterfragen. Wo sind sie bereit zur Selbstreflexion? Und wo bleiben sie kompromisslos? Es geht um Offenheit, Reibung und echte Debatte: Raus aus der Schublade. Rein in die Diskussion.“
Bemerkenswert daran: Die Meisterin der journalistischen Einordnung und moralischen Rahmung wechselt plötzlich das Format und kopiert das Konzept jener „ungeskripteten“ Gesprächskultur, die sie früher oft scharf kritisiert hat. Statt das Phänomen nur von außen zu beobachten, springt sie nun selbst auf den Zug auf. Die entscheidende Frage ist nicht persönlich, sondern strukturell: Fürchtet die klassische Leitmedium-Journalistin den schleichenden Verlust von Deutungshoheit und Reichweite? Ihr Schritt wirkt wie ein Symptom dafür, dass die alten Gatekeeper langsam realisieren, dass sie die neue, direktere Debattenkultur nicht mehr ignorieren können und stattdessen versuchen müssen, sie zu kopieren oder zumindest mitzugestalten. Handelt es sich dabei um eine rein strategische Anpassung, um relevant zu bleiben oder ist es ein ehrlicher Versuch, die eigene Filterblase zu verlassen und neue Dialogformen tatsächlich zu erproben? Ob es ein echtes Öffnen oder nur eine taktische Umarmung ist, wird sich erst noch zeigen. In jedem Fall ist es hochspannend zu beobachten.
5 Die Wiederentdeckung der Grautöne und das Aufbrechen von Filterblasen
Genau hier entfalten ungeskriptete Formate ihre größte Kraft. Sie sind eine Schule des differenzierten Denkens.
Sie zeigen die Grautöne: In klassischen Medienformaten wird die Welt oft in simple Dichotomien gepresst: Gut/Böse, Richtig/Falsch, Held/Schurke. In einem langen, offenen Gespräch wird diese Simplifizierung unmöglich. Man erlebt Widersprüche, Unsicherheiten und die menschliche Seite einer Person, selbst wenn man ihre Ansichten ablehnt. Zuhörende sind gezwungen, sich selbst ein Bild zu machen, anstatt eine fertige Bewertung zu konsumieren. Dies trainiert eine der wichtigsten Fähigkeiten in einer komplexen Welt: Ambiguitätstoleranz, die Fähigkeit, Widersprüche und Unsicherheiten auszuhalten.
Sie brechen Filterblasen auf: Wer seinen Medienkonsum auf wenige, meinungsähnliche Quellen beschränkt, erhält ein stark gefiltertes Bild der Realität. Ungeskriptete Formate konfrontieren das Publikum mit Perspektiven, die in der eigenen Blase selten oder nur als Zerrbild vorkommen. Dies ist keine „Plattformierung von Extremen“, wie Kritiker manchmal vorschnell urteilen, sondern die Abbildung echter Meinungsvielfalt – eine Grundvoraussetzung für eine funktionierende Demokratie.
6 Ein notwendiges Korrektiv, kein vollständiger Ersatz
Es ist wichtig zu betonen: Formate wie {ungeskriptet} sind kein Ersatz für guten, investigativen Journalismus. Sie ersetzen nicht die mühsame Recherche, die Aufdeckung von Skandalen oder die präzise Faktenprüfung, die das Handwerk einer guten Journalistin ausmachen.
Sie sind jedoch ein notwendiges Korrektiv. Sie ergänzen die Medienlandschaft um eine Ebene, die zunehmend verloren gegangen ist: den unverstellten Dialog. Sie zeigen, dass es möglich ist, auch über die kontroversesten Themen zu sprechen, ohne die Gesprächspartnerin von vornherein moralisch zu verurteilen oder ihm durch ständige Unterbrechungen die Möglichkeit zu nehmen, seine Gedanken zu Ende zu führen.
7 Fazit: Medienkompetenz im 21. Jahrhundert ist aktive Arbeit
In Zeiten von Haltungsjournalismus und algorithmengesteuerter Empörung sind ungeskriptete, lange Gespräche kein nettes Extra, sondern ein echtes Gegengift. Sie stärken die Medienkompetenz, indem sie dem Publikum das Vertrauen schenken, selbst zu denken.
Medienkompetenz bedeutet heute mehr als nur zu wissen, wie man eine Quelle prüft. Es bedeutet:
- Aufmerksamkeit über längere Zeitspannen halten zu können.
- Argumente geduldig abzuwägen, auch wenn sie den eigenen Überzeugungen widersprechen.
- Widersprüche in den Aussagen einer Person zu erkennen und einzuordnen.
- Sich eine eigene Meinung zu bilden, anstatt sie mundgerecht serviert zu bekommen.
Ben Berndt und ähnliche Creator beweisen eindrucksvoll: Man braucht keine große Redaktion, kein Publizistikstudium und kein teures Studio, um einen wertvollen Beitrag zur öffentlichen Debatte zu leisten. Es braucht vor allem den Mut zur Authentizität und den Respekt vor dem Gesprächspartner und den Zuhörenden.
Eine Auseinandersetzung mit einer langen Folge von {ungeskriptet} kann sich lohnen. Nicht, weil man mit allem einverstanden sein muss, sondern weil man danach die Welt wahrscheinlich ein wenig differenzierter und klarer sieht. Die zentrale Frage bleibt: Braucht die moderne Medienlandschaft mehr solcher ungeschminkten Formate, oder bergen sie die Gefahr, Desinformation unkommentiert zu verbreiten?
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In meinem Buch «Medienkompetenz im KI-Zeitalter» wird thematisiert, wie längere Formate die Medienkompetenz schulen können. Es bietet zudem praxisnahe Tools, um Inhalte kritisch zu bewerten, von Fact-Checking bis KI-gestützter Bias-Erkennung. In Zeiten von Deepfakes und polarisierten Feeds wird Medienkompetenz zum Schlüssel. “Medienkompetenz im KI-Zeitalter” ist ganz “frisch” auf dem Markt. Ideal für alle, die den Medienwandel navigieren wollen! Wer mag, kann das Buch hier erhalten
https://www.narr.de/medienkompetenz-im-ki-zeitalter-46482/
Quellen
https://podcasts.apple.com/de/podcast/amann-unframed/id1896584907
Voss, R. (2026): Medienkompetenz im KI-Zeitalter. utb.
Der Blog ist in ähnlicher Form als Artikel unter LinkedIn veröffentlicht:
Disclaimer: Dieser Artikel wurde nach meinem eigenen Wissen und meiner Idee erstellt. Ergänzt durch Recherchen und sprachlich mit KI geprüft und optimiert. Dabei habe ich meine eigene Brand voice genutzt, die auf Texten meiner Bücher und Blogs beruht. Dieser Artikel ist rein edukativ und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Bitte melden Sie sich, wenn Sie Ungenauigkeiten feststellen.
Admin - 15:29:22 @ Pädagogik / Medien, Bücherthemen / Medienauftritte | Kommentar hinzufügen