Prof. Dr. Voss: Ihr Bildungs- und Medienexperte
  

2026-07-07

Zu Gast im Podcast von DocsGoSwiss: Ein offenes Gespräch über Anreize, Probleme und Motivation von Ärzten und Ärztinnen in der Schweiz

1 Einleitung

In meinem aktuellen Beitrag möchte ich von einer besonderen Einladung berichten: Ich war zu Gast im Podcast „DocsGoSwiss“. Auch wenn ich kein Arzt bin, sondern Wirtschaftspädagoge, habe ich in über zwanzig Jahren in der Schweiz und fünf Jahren Analyse von Auswanderungs-Diskussionen auf X einen sehr klaren Blick darauf gewonnen, was Ärztinnen und Ärzte beim Schritt in die Schweiz oft übersehen.

2 Zu Gast bei DocsGoSwiss

Vor mehr als zwanzig Jahren bin ich von Köln an den Bodensee gezogen, nach Kreuzlingen. Eingewandert bin ich nicht als Mediziner, sondern als jemand, der sich mit Bildung, Organisation und Kommunikation beschäftigt und die Verkehrsmedizin Thurgau in Kreuzlingen leitet. Genau dieser Blick von außen war der Grund, warum ich in den Podcast „DocsGoSwiss“ eingeladen wurde. Der Gastgeber konfrontierte mich mit einer zentralen Frage:

Was sollte man als Arzt oder Ärztin in der Schweiz auf gar keinen Fall machen?

Meine Antwort lässt sich in einem Satz zusammenfassen:

Wir haben flache Hierarchien hier. Der Arzt, der jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter von oben herab behandelt, scheitert.“

Der Satz, der aus dem Gespräch hängen bleibt, bringt es noch deutlicher auf den Punkt:

„Wer abwertend kommuniziert, wird hundertprozentig abgeschaltet. Wertschätzung ist in der Schweiz eine sehr, sehr wichtige Sache.“

3 Was ich aus 5 Jahren X-Daten gelernt habe

Für meine Forschung habe ich fünf Jahre lang Diskussionen auf X zum Thema „Auswandern in die Schweiz“ ausgewertet. Die Verteilung ist bemerkenswert stabil:

• Rund 80 % der Kommentare sind positiv: Job, Verdienst, Lebensqualität.

• Etwa 20 % sind negativ, häufig verbunden mit einem „Deutschland-Blues“ bei der Rückkehr.

Auffällig ist, dass Rückkehrende, die in eine durchmischte Großstadt zurückkehren, oft stärker irritiert sind als diejenigen, die wieder in ein ländliches Umfeld gehen. Der Kontrast im Alltag scheint dort größer zu sein.

Ein weiterer Punkt, der in den Daten sichtbar wird: Viele verlassen die Schweiz aus finanziellen Gründen, vor allem mit Blick auf das Alter. Wer wenig in die Schweizer Sozialleistungen eingezahlt hat, entscheidet sich nicht selten, zurückzugehen. Umgekehrt zieht es zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer ins günstigere Süddeutschland oder nach Frankreich.

4 Kommunikation: Zwischen Köln und Kreuzlingen

Ein zentrales Thema im Podcast war die Kommunikation. Ich musste selbst lernen, wie groß die Unterschiede sein können. Heute beschreibe ich mich gern als „halbwegs gelungenen Hybrid“:

• In Köln gelte ich inzwischen als zurückhaltend.

• In der Schweiz werde ich bisweilen noch als ziemlich direkt wahrgenommen.

Diese Verschiebung zeigt, wie stark kulturelle Kontexte die Wahrnehmung von „Direktheit“ verändern. Mein Rat an auswanderungswillige Ärztinnen und Ärzte lautet deshalb:

• Forsch sein, ja – aber dosiert.
• Wer zu forsch auftritt, wird sehr schnell zum „deutschen Besserwisser“.

Ein klassisches Missverständnis, das ich häufig beobachte, betrifft die indirektere Schweizer Kommunikation. Wenn jemand in der Schweiz sagt:

„Lass uns in zwei Wochen noch mal drüber reden“,

hören viele Deutsche:

„Vielleicht geht da noch etwas.“

Gemeint ist jedoch nicht selten:

„Das Thema ist erledigt.“

Wer diese Codes nicht erkennt, kämpft mit unsichtbaren Widerständen – in Teams, in Praxen, in Kliniken.

5 Worauf Schweizer Kolleginnen und Kollegen sensibel reagieren

Aus meinen Beobachtungen (und aus vielen Gesprächen) lässt sich ein Muster klar erkennen: Schweizer Kolleginnen und Kollegen reagieren besonders sensibel auf Hierarchiegehabe. Flache Hierarchien werden erwartet, nicht nur behauptet.

Wer als Chefarzt oder Chefärztin das Team von oben herab behandelt, scheitert in der Regel sehr schnell. Abwertende Kommunikation führt dazu, dass Personen Gegenüber innerlich „abschalten“. Wertschätzung dagegen ist die Grundlage für Vertrauen – und damit auch für eine gelingende berufliche Integration.

6 Verkehrsmedizin als Nische

Im Podcast spreche ich auch kurz über ein spezielles Feld: die Verkehrsmedizin. Meine Frau leitet in Kreuzlingen ein Institut für Verkehrsmedizin, ein Bereich, der in etwa der deutschen MPU vergleichbar ist:

• Für den entsprechenden Facharzttitel sind zwei Jahre Tätigkeit an einem verkehrsmedizinischen Institut erforderlich.

• Die Leistungen werden privat abgerechnet, es handelt sich nicht um eine Kassenleistung.

Für Ärztinnen und Ärzte, die eine Nische suchen, kann dies eine interessante Option sein.

7 Ausblick

Wer über die Schweiz nachdenkt, sollte nicht nur auf Job und Geld schauen. Entscheidend ist, ob es kommunikativ und menschlich passt – im Team, mit der Pflege, mit dem Praxisteam, mit Patientinnen und Patienten.

Weitere Informationen, vertiefende Hinweise und einen strukturierten Auswanderleitfaden finden Interessierte unter

www.docsgoswiss.ch

Es findet sich auch ein Beitrag unter linkedin zur Thematik:

https://www.linkedin.com/pulse/die-sache-mit-den-flachen-hierarchien-martin-werner-sgpre/?trackingId=p8mHcuhPTkKLonJO%2BbtKvg%3D%3D

Es findet sich auch ein Blog der Verkehrsmedizin Thurgau in Kreuzlingen zur Thematik:

https://verkehrsmedizin.org/Blog/index.php/;focus=HSTPTP_com_cm4all_wdn_Flatpress_9459456&path=?x=entry:entry260707-175828#C_HSTPTP_com_cm4all_wdn_Flatpress_9459456__-anchor

Admin - 17:27:29 @ Verkehrsmedizin, Bücherthemen / Medienauftritte